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Die Poecilocharax weitzmanni-Story

27.Oktober 2002: Für die Webseite von Mimbon-Aquarium kommt eine neue Stockliste. Natürlich lese ich sie durch, bevor ich sie in pdf umwandle und sie dann online stelle. Da sind einige Besonderheiten drauf, u.a. Chaca chaca, Nandopsis dovii und L007. Leider werden mal wieder die meisten Tiere nichts für meine Aquarien.
Dann fiel mir unter den Salmler, die bei mir immer so ein bißchen unter "ferner liefen" laufen ein Name auf: Poecilocharax weitzmanni. Nicht nur, daß ich diese Tiere pflegen wollte, seit ich das erste Mal ein Bild von ihnen gesehen habe, nein, sie würden auch wunderbar in das 200l-Schwarzwasserbecken mit den Dicrossus und den letzten 4 Roten Neon passen.

30. Oktober 2002: Ich hab sie! Es waren die letzten 10 Tiere und sie waren nicht mal teuer. Nun aber schnell nach Hause und das Quarantainebecken ausmotten.
Etwa 2 Stunden später steht das Becken, 54 Liter netto, nur eingerichtet mit einer kleinen Wurzel, einem Innenfilter und einem riesigen Busch Javamoos. Natürlich kommt kein frisches Wasser ins Becken, ich nehme Wasser aus einem meiner laufenden Aquarien.
Die Wasseranpassungs-Zeremonie fällt bei mir normalerweise recht kurz und herzlich aus, aber bei den kleinen Fischchen, sie sind knapp 2 cm lang, bin ich doch etwas vorsichtiger. So etwas pisseliges habe ich schon lang nicht mehr gekauft.
Eine Stunde später, es ist mittlerweile später Abend geworden, schwimmen die Tiere im Aquarium.

31. Oktober 2002: Sind sie noch alle da? Ist überhaupt noch ein Fisch im Becken? Ich kann nicht eine Flosse sehen, geschweige denn die Tiere zählen. Nachdem ich etwa 5 Minuten bewegungslos vor dem Becken gesessen habe, traut sich der Mutigste heraus. Keine Verpilzung, keine weißen Punkte, na also.
Gefüttert hab ich sie heute mit gefrorenen Wasserflöhen. Ich habe kein einziges Tier fressen sehen. Sie kommen zwar raus und gucken sich an, was im Wasser schwebt, aber sie fressen es nicht.

1. November 2002: Eigentlich wollte ich ja noch eine Handvoll Buchenlaub ins Aquarium tun, aber es regnet so fürchterlich, das lass ich als Entschuldigung für mich gelten. Ich hoffe, die Fische nehmen mir nicht übel, daß ich nicht nass werden möchte.
Das Wasser fühlt sich extrem warm an, ich angle mein Thermometer heraus und stelle fest, daß es 33°C hat. Upps... Heizung 2 Stufen runter.
Ich füttere schwarze Mückenlarven, dasselbe Schauspiel wie gestern.

2. November 2002: Die Tiere sind etwas mutiger geworden, ich kann ab und zu eine Gruppe von 4 oder 5 Tieren im Schatten unter der Wurzel stehen sehen.
Auch heute werden die schwarzen Mückenlarven ignoriert

4. November 2002: Ich bringe aus Bonn weitere kleine Wurzelstücke und eine große Tüte voll Buchenlaub mit. Kurz abwaschen und ab ins Becken.
Die Buchenblätter schwimmen noch, ist ja auch kein Wunder, aber die Weitzmannis suchen nur binnen Minuten ihre Nähe und ihren Schatten, auf einmal tauchen sie in 2 kleinen Gruppen von 4 und 6 Tieren auf, sie haben einen Gutteil ihrer Scheu abgelegt. P. weitzmanni scheint sehr eng mit Fallaub assoziiert zu sein.
Ich füttere wieder schwarze Mülas, aber auch heute werden sie ignoriert. Irgendwas müssen die Jungs fressen und es scheint auch so, als würden sie es tun, denn auch nach 5 Tagen Hunger haben sie keinerlei eingefallene Bäuche.
Ich setze mich etwa eine Stunde vor das Aquarium und versuche mit der Digicam einige Fotos zu machen. Etwa 75 mal drücke ich auf den Auslöser, ein Starfoto kommt nicht dabei raus, aber wenigstens sind die Tiere erkennbar und ich kann dokumentieren, daß ich sie tatsächlich hier schwimmen habe.

15. November 2002: Ich habe die Tiere bis heute nichts fressen sehen, das nicht lebt, aber irgendwas müssen sie doch zu sich nehmen, sonst wären sie nicht so schön in Farbe und Form, obwohl ich heute abend ein arg gefleddertes Tier gesehen habe.

18. November 2002: Heute habe ich aus Bonn Artemia-Nauplien mitgebracht. Die Tiere stürzen sich drauf und haben das erste Mal seit ich sie habe, deutliche Bäuche. Das wars also....
Ich befürchte, das bedeutet Artemiazucht für die nächsten Jahre.

26.November 2002: Nachdem die Tiere jetzt mehrmals lebende Artemia-Nauplien erhalten haben, verbessert sich die Färbung deutlich. Ich habe heute etwa 15 Liter Wasser gewechselt, was die Tiere nur kurzzeitig beeindruckt hat. 2 Stunden später standen sie wieder an ihren angestammten Plätzen und warteten auf Essen.
Ich hab ihnen einen besonderen Gefallen getan: lebende weisse Mückenlarven! Jetzt weiß ich, warum die Tiere Raubsalmler heißen: Sie schleichen sich bis auf eineinhalb bis zwei Körperlängen an die im Wasser schwebende Larve an, schießen dann blitzschnell nach vorne und haben die Larve mindestens bis zur Hälfte im Maul und das, obwohl die Larve mehr als halb so lang ist wie sie selber!
Es dauert dann eine Weile, bis sie die Larve verschluckt haben, aber es scheint das richtige Futter für sie zu sein. In der nächsten Zeit fütter ich das häufiger, es ist ein echtes Schauspiel.

2. Dezember 2002: Heute hab ich das erste Mal ein Lateraldrohen zweier "großer" Männchen beobachtet. Die Tiere drohen wie Cichliden im Wasser stehend mit aufgespannten Flossen und gesenktem Maulboden. Das salmlertypische, sehr dynamische Displayschwimmen an Reviergrenzen gibt es nicht.
Alles läuft eine Nummer ruhiger ab.

5. Dezember 2002: Seid dem Wochenende musste ich aus der Not heraus ausgewachsene Artemia füttern, da ich Samstag keine Mückenlarven mehr bekommen konnte. Es scheint den Tieren überhaupt nichts auszumachen, sie erbeuten die Artemia, die beinahe halb so lang sind, wie die größten Poecilocharax sehr geschickt. Individuen, die über keine Scheren verfügen werden direkt am Kopf gegriffen und verschluckt, Tiere mit den scherenartigen Auswüchsen werden zunächst an den Schwimmbeinen angegriffen und dann in einem komplizierten Verfahren herumgedreht und doch mit dem Kopf voran gefressen.
Das Jagdverhalten hat sich in den letzten Wochen mit der konstanten Gabe möglichst großen Lebendfutters noch weiter differenziert. Die Tiere schleichen sich nicht nur einfach an, sie "ducken" sich in die Nähe einer Oberfläche und suchen möglichst noch eine weitere Deckung. Aus dieser schießen sie etwa zwei bis drei Körperlängen vor und schnappen nach der Beute. Danach bleiben sie eine kurze Weile mit flirrenden Flossen im Wasser stehen, unabhängig, ob sie die Beute erwischt haben oder nicht.
Sie scheinen zumindest was weiße Mückenlarven und Artemia angeht, sehr erfolgreiche Jäger zu sein, bei Artemia habe ich nur in Einzelfällen beobachtet, daß das Schnappen nach keinen Erfolg hatte, bei weißen Mückenlarven schätze ich die Fehlerquote auf unter 30%.
Ich werde mal versuchen, das Ganze zu quantifizieren.

5. Dezember 2002: Jeder Poecilocharax hat zwischenzeitlich seinen eigenen Unterstand gefunden, sie stehen nur noch früh morgens in einer kleinen Gruppe zusammen. Als Unterstände werden offensichtlich Positionen bevorzugt, die von oben und unten sowie von zwei Seiten geschlossen sind und in die von vorne und hinten eingeschwommen werden kann. Wenn man das nachbauen möchte, bieten sich vielleicht Filmdöschen (die Dinger, in denen Kleinbild-Filme verkauft werden) an, deren Boden man entfernt hat.

18. Januar 2003: Heute habe ich das völlig mit Java- und Lebermoos zugewuchterte Becken etwas umgebaut, was mir die Poecilocharax etwas übel genommen haben. Ein paar Tage haben sie die Beleidigten gespielt und sich kaum sehen lassen.
Mittlerweile hat sich die Fütterung mit weißen Mückenlarven, Wasserflöhen und ausgewachsenen Artemia etabliert, die Tiere wachsen sichtbar und zeigen herrliche Farben.

5. Februar 2003: Seit einiger Zeit beobachte ich, daß es offensichtlich mindestens zwei, möglicherweise drei verschiedene Arten gibt, wie ein Poecilocharax seine Beute jagt. Ich versuche das mit der Digicam zu filmen, aber bisher haben die Tiere noch Angst vor der Kamera.

Nachtrag:Im Mai 2003 bin ich nach Görlitz umgezogen, die Poecilos mit mir. Die Haltung der Tiere dort war ebenfalls kein Problem, Osmosewasser sei Dank. Beim erneuten Umzug im Sommer 2004 sind 8 der verbliebenen 9 Tiere jedoch verstorben, vermutlich wegen zu großer Hitze beim Transport. Der verbleibende Fisch wanderte ins Gesellschaftsaquarium meiner Eltern und konnte mindestens bis Dezember 2005 regelmäßig und bei guter Gesundheit beobachtet werden. Von was er sich ernährt ist unbekannt.

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